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Fotografie als Meditation: Ebbe und Flut

 

Meditieren, während sich das Wasser langsam zurückzieht, heißt meditieren mit allen Sinnen. Ich setze mich bequem an die Deichkante. Es ist Abend, der Tag verabschiedet sich vor mir und in mir. Ich blicke hinaus aufs Watt. Werde still. Ich sehe, wie das Wasser sich langsam, immer weiter zurückzieht, als ob es eine Pause braucht. Alles hat eben seine Zeit. Kommen und gehen. Auch wir Menschen brauchen regelmäßig Pausen, doch nehmen wir sie uns viel zu selten. Ich meine Pausen wie diese, in denen nichts zu tun ist – nur schauen. Atmen. Einfach. Da. Sein.

Meditation mit Ebbe und Flut

Die Ebbe macht Unsichtbares sichtbar – kleine Krebse, Wattwürmer, Steine… wieder lässt sich die Analogie zum Leben erkennen: Erst wenn wir uns zurückziehen, erkennen wir was ist. Bin ich glücklich? Wofür bin ich dankbar? Was fehlt mir? Geht es mir gut? Wovon träume ich? Oder auch: Wer bin ich? Zeit zum Nachdenken, Nachspüren. Zeit zur Kontaktaufnahme mit der inneren Stimme, der Stimme der Seele… die Gedanken einfach kommen und gehen lassen, fließen lassen, so wie das Wasser.

Ich schaue aufs Meer. Lausche. Höre das leise Blubbern des Wassers – oder ist es eher ein Zischeln –, während es sich seinen Weg hinaus aufs offene Meer sucht. Unaufhörlich, ewig. Angezogen von einer größeren Macht aus dem Universum, viel größer und mächtiger als wir Menschen. Ich nehme zum ersten Mal in meinem Leben Geräusche wahr, die ich auf einem gewöhnlichen Spaziergang gar nicht registrieren würde. Die Nordsee flüstert, wispert, erzählt Geschichten von gesunkenen Schiffen, versunkenen Städten. Das Säuseln des Windes – Begleitmusik, hin und wieder durchschnitten vom schrillen Schrei einer Möwe. Ich nehme wahr. Bewerte nicht. Ich atme tief ein, schmecke die salzige Luft. Rieche den schlickigen Meeresboden, wie Moder. Der Geruch von Heimat.

Am Ende des Tages

Ich vergesse die Zeit. Am Horizont kündigt sich allmählich der Sonnenuntergang an. Das letzte Tageslicht zaubert eine ganz besondere Stimmung über das Watt, das mir nun glänzend zu Füßen liegt. Das Wasser hat sich noch weiter zurückgezogen. Ich lasse noch einmal den Blick schweifen, weit und frei. Langsam stehe ich auf, schlendere zurück zum Parkplatz. Ich drehe mich noch einmal um. Die untergehende Sonne steht nun wie ein Feuerball hoch über dem Meer. Bereit für die Nacht, den nächsten Tag, die nächste Flut. Alles hat seine Zeit.

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